“Weit ist ihr Horizont, das spürt man in jeder Note. Marina Schlagintweit interessiert sich für Vieles und sie schafft es, ihre Neugier und ihre Entdeckungslust in Töne zu gießen. Ihre
Kompositionen für das „Marina Schlagintweit Large Ensemble“ zeichnen sich durch diesen weiten Horizont aus. Ungewöhnliches, etwa eine besondere Besetzung, handwerkliches Können und klangliche
Fantasie bringt diese Preisträgerin mit Lustvoll-Witzigem zusammen. Sounds dienen bei ihr nie dem schnellen Effekt, Electronics behandelt sie wie ein echtes Instrument, nie als
Geräuschkulissen-Erzeuger. Es gibt viel zu entdecken in der Musik von Marina Schlagintweit!” (Jutta-Hipp-Preis, PM Jazzverband Sachsen, neue Musikzeitung)
Früh bewies Marina Schlagintweit als Tochter einer Musikschulleiterin großen musikalischen Erfindungsreichtum: Ab dem 15. Lebensjahr war sie dreimal Preisträgerin des Bundeswettbewerbs Komposition, begann ein Jungstudium an der Musikhochschule München und wurde Stipendiatin Studienstiftung des deutschen Volkes. Mit 21 schrieb sie ein orchestrales Werk im Kompositionsauftrag des Orchesters der Studienstiftung. Sie studierte Komposition mit Schwerpunkt Live-Elektronik an der Hochschule für Musik in Detmold. Nach ihrem Abschluss absolvierte sie einen 9-monatigen Artist-in-Residency- Aufenthalt in der Cité des Arts Paris, gefördert durch ein Stipendium des Kulturministeriums NRW. Sie arbeitete am dortigen IRCAM beim Festival Manifeste an der Realisierung von Live-Elektronik neuer Werke. Durch ihre künstlerische Beschäftigung mit freier Improvisation bewegte Sie sich immer mehr Richtung Jazz und begann schließlich ein zweites Studium in Jazz-Klavier an der Musikhochschule München. Dort begründete und kuratierte 2021 das erste „Jazzlabor Festival“ für Nachwuchsbands, das seitdem jährlich stattfindet. Ihr Studium setzte sie mit einem Master in Jazz-Komposition fort und schloss 2023 mit Bestnote ab. Sie wurde mit 2022 dem Nachwuchsförderpreis Jazz der Konzertgesellschaft München ausgezeichnet und ist 2024 Preisträgerin des BMW Young Artist Jazz Award.
Marina Schlagintweit ist neben ihrem Hauptprojekt, dem Marina Schlagintweit Large Ensemble, als Pianistin in unterschiedlichsten Ensembles aktiv, etwa in Simon Lucaciu's "Capacity of Movement," im Duo "SchlagRechtWeit", sowie im Charles Mingus Ensemble, das seit 2021 mit der Suite „The Black Saint and the Sinner Lady“ international konzertiert.
Besondere Konzerte:
2026 Live-Recording Konzert in Kooperation mit dem Bayerischen Rundfunk, Schwere Reiter München
2025 Jutta-Hipp-Preis Preisträgerkonzert, Plauen
2024 Leipziger Jazztage
2024 BMW-Welt Preisträgerkonzert
2024 Progressive Chamber Music Festival München
2024 Munich Composers Collective Live Recording, Jazz Club Unterfahrt
2023 Abschusskonzert Master Jazz Komposition, Reaktorhalle München
2022 Summer Week Jazzclub Unterfahrt, fünf Tage in Folge als artist in residence
2022 Wordfees Festival Stellenbosh, Kapstadt, Südafrika
2021 Philharmonie München, Jazz in Concert
2021 Jazz City Revival Festival, Fat Cat Jazz Club Ulan Ulaanbaatar, Mongolei
2018 Darmstädter Ferienkurse für neue Musik, Uraufführung
2013 Liederhalle Stuttgart, Orchester der Studienstiftung d. deutschen Volkes, Uraufführung
Künstlerische Werte
Das Wirkungsfeld der Komponistin erstreckte sich über weite Bereiche, die über das reine musizieren als Pianistin hinaus gehen. Getrieben von Neugierde, Experimentierfreudigkeit und der Suche nach Substanz in der Musik nahm die Komponistin in ihr Schaffen verschiedenste Strömungen und Impulse auf, oft interdisziplinär und in Kooperation mit anderen. Ursprung und Kern ihrer künstlerischen Entwicklung liegt im Improvisieren und Komponieren am Klavier – beides erlebte sie von Beginn an als untrennbare Elemente desselben Prozesses. Zunächst schrieb sie überwiegend Kompositionen für Kammerensembles. Mit Blick auf die Klangvielfalt spielten dabei erweiterte Spieltechniken eine große Rolle. Darum lag auch die Entdeckung und Einbindung von abstraktem elektronischen Sound nahe. Inspiriert von musique concrète und Sound Art entstanden elektroakustische Werke, collagierte Fieldrecordings, in denen die spektrale Beschaffenheit von Geräuschen einen eigenständigen ästhetischen Wert entfalten und in ihrer Kombination zu musikalischen Erzählungen werden. Werke mit stark konzeptionellem und performativem Charakter ergaben sich aus der Verbindung von Live-Electronics mit je einem Solo-Instrument. Es folgte der Schritt vom Studio und Schreibtisch auf die Bühne – die Komponistin bewegte sich in Richtung Musiktheater und begriff sich als „composer-performer“. Sie erlernte erweiterte Vokaltechniken und Mouth Percussions und kombinierte diese mit Live-Elektronik unter Verwendung von Bewegunssensoren, etwa bei ihrem Abschlusskonzert Bachelor Komposition. Weitere Uraufführungen fanden unter anderem bei den Darmstädter Ferienkursen für neue Musik statt.
Während ihrer Zeit in Paris entwickelte sie in Ihrem Schaffen einen Gegenpol zu dieser Konzeptionalisierung von Musik: Indem sie zurückfand zu ihren Wurzeln am Klavier erschloss sich ihr die Faszination der freien Improvisation, der unmittelbaren Kommunikation mit ihren Mitmusiker*innen, der Begegnung mit dem Unbekannten. Aufmerksamkeitstechniken aus dem Zen, den Sound Meditation von Pauline Olivieros und Projekte mit Sound Painting inspirierten und unterfütterten diese Erkundungen.
In ihrem Wirken als Jazzpianistin stellte sich Schlagintweit unter anderem den Fragen nach Individualität und Gruppendynamik, die den Jazz wie kein anderes Genre prägen. Maßgeblich wurde ihr dabei, das Jazz-Idiom nicht nur zu beherrschen, sondern auch zu hinterfragen, um die eigene Sprache zu finden.
Ausgehend von ihrer langjährigen, klassischen Klaviertrio-Formation „NVM-Trio“ und durch ihre umfassende deutschlandweite Konzerttätigkeit in verschiedenen Ensembles entwickelte sie gute und
vertrauensvolle Verbindungen zu Jazzmusiker*innen und etablierte sich in der Szene. Mit dem Saxophonisten Anton Mangold und dem Gitarristen Oscar Mosquera gastierte sie während einer „Summer
Week“ eine Woche in Folge im Jazzclub Unterfahrt als Artist in Residence.
In mehreren Projekten widmete sich Schlagintweit der Fusion von Musik mit Tanz - sei es improvisativ im Dialog mit Tänzer*innen auf der Bühne, oder als Begleitband für ein tanzendes Publikum.
Mit einer Swingband gestaltete sie über mehrere Jahre in München Lindy-Hop Parties. Mit moderner elektronischer Musik im Sinne von EDM beschäftigte sie sich im Rahmen eines Projekts, das Jazz
mit Techno verbindet und als Tanzritual im großen Kollektiv Gemeinschaftserleben kreiert.
In den letzten Jahren vertiefte sich Schlagintweit in Kompositionen für größere Besetzungen, wie Jazzorchester und Bigbands. Besonders begeistert sie sich für die klangliche Rafinesse von Maria Schneider oder Gil Evans, deren Orchestrierungen sie intensiv analysierte. Anknüpfend an ihre Arbeit mit Live-Electronics, wird der Klang einer Orchestration an sich zum Ausdrucksmittel. Kompositorisch gestaltet sie weit angelegte Formen und kluge Entwicklungen, die ihr besonderes Momentum oft durch Überraschungen entfalten, artikuliert durch einen filigranen und vielseitigen Sound. All das findet derzeit seinen stärksten Ausdruck in der Arbeit für das Marina Schlagintweit Large
Ensemble.